HISTORISCHES ERBE BEWAHREN
Noch weiter zurück in der Vergangenheit liegt der Bau des unter Denkmalschutz stehenden Vöhlinschlosses im Unterallgäu. Im Jahr 1492 wurde der dreigeschossige Bau errichtet, der Dachboden im 18. Jahrhundert zusätzlich aktiviert.
Als das in die Jahre gekommene Bauwerk wieder instandgesetzt und für Wohnzwecke umgenutzt werden sollte, legten die Architekt*innen – und zugleich Bauherr*innen – Anna Kern und Sebastian Heinzelmann von Kern Architekten das Augenmerk auf den weitestmöglichen Erhalt historischer Bausubstanz.
Fehlstellen – beispielweise in Holzbalken – wurden punktuell repariert und nur dort ersetzt, wo es notwendig war. Dabei griffen die Planenden ausschließlich auf natürliche Rohstoffe aus der Umgebung sowie einfache Bauweisen und traditionelle Techniken zurück.
Ähnlich wie in Kopenhagen war der Bauprozess experimentell und praxisorientiert: Eine denkmalgerechte Voreinschätzung gab den Beteiligten einen Eindruck der Bausubstanz und ihrer Historie.
Ausprobiert, repariert, restauriert und thermisch aufgewertet wurde jedoch vor Ort und in enger Zusammenarbeit mit lokalen Handwerksbetrieben. So wurden etwa historische Fenster aufbereitet und durch innenliegende Isolierglasfenster energetisch ertüchtigt. Auch neue additive Elemente wie Küchen- und Sanitäreinbauten kamen zum Einsatz und bringen Vergangenheit und Gegenwart noch stärker in den Dialog.
Die verschiedenen Ansätze demonstrieren: Reparieren ist keine defensive Geste, sondern eine Haltung und aktive Entwurfskultur. Statt also immer wieder „Tabula rasa“ zu fordern, plädiert Reparatur für Schichten und Übergänge. Sie zeigt, dass nicht nur Neues gut und ästhetisch sein kann. Und sie verbindet Ökologie und Baukultur auf eine Weise, die nicht nach Verzicht aussieht, sondern nach Gewinn: an kulturellem Sinn, architektonischem Charakter und an Verantwortung gegenüber unserer Umwelt.
in der do up Ausgabe 2/2025 – DAS WEBER MAGAZIN FÜR ARCHITEKT*INNEN